Arbeitsgemeinschaft Fischartenschutz Westlicher Bodensee

Der Kormoran am Bodensee-Untersee

Ein Bericht von Werner Scheu,
Koordinator der Kormoranzählungen am Untersee

Vor 1970 waren am Untersee etwa 10 bis 15 Kormorane zu beobachten. Als Zugvögel wurden sie als interessanteWintergäste betrachtet. Mitte der 80er Jahre kamen immer mehr Kormorane in die Region, sie blieben vereinzelt über den Sommer.

Zeitgleich waren ständig Berichte und Leserbriefe zu lesen, welche die Sorgen der Fischerei
darstellten. Zunehmend wurden Netze der Berufsfischer geplündert, eines der größten
Äschenvorkommen in Stiegen wurde in wenigen Jahren ruiniert. Ebenso die Fischwasser im Rhein
von Konstanz bis Gottlieben. Im Rheinsee veranstalteten Kormoranschwärme Treibjagden.
Einsömmrige karpfenartige Fische, welche sich im Herbst im flachen Wasser und in Häfen
sammelten, wurden von Kormoranschwärmen in kurzer Zeit eliminiert. Auch die Hegauer Aach und andere Fließgewässer im Umkreis des Untersees wurden von Kormoranen leergefressen. Sogar Teichwirtschaften hat das massive Auftreten des Kormorans bis zur Aufgabe des Betriebs geschädigt.

In Gegendarstellungen von Naturschützern, Hobby- und Berufsornithologen stellten diese für sich
in Anspruch, Naturschützer im Dienste der Allgemeinheit zu sein, während Fischer als einfach
denkende, egoistische Naturnutzer dargestellt wurden. Außerdem wurde immer wieder darzustellen versucht, fischereiliche Auswirkungen seien wissenschaftlich nicht erwiesen, während Naturschutz fundiertes Wissen vermittelt.Nach dem Motto: „Die Wohlstandsgesellschaft kann sich den Fischverzehr durch Kormorane leisten“ lehnt der NABU auch heute noch jegliche Maßnahmen zur Reduzierung der Kormoranbestände ab, verkennt dabei aber bewusst die Tatsachen.

Im Landkreis Konstanz werden die Kormoranbestände seit 1991 von Berufs- und Angelfischern,
organisiert im Arbeitskreis IX des Landesfischereiverbandes Baden e.V., gezählt und aufgezeichnet.
Zunächst wurden flächendeckende Zählungen durchgeführt, die fehlerhaft und wenig aussagefähig
waren.

Zur damaligen Zeit war keine ständige Schlafbaumkolonie am Untersee etabliert. Die verstärkt in
die Radolfzeller Aach und den Untersee einfliegenden Kormorane kamen von der einzigen
Schlafbaumkolonie in der Region, dem „Schachenhorn“ in der Espasinger Bucht.

Ab 1994 erfolgte der „Umzug“ der Bestände von der Espasinger Bucht an den Untersee. Neu war
für Vogelschützer und die Fischerei, dass sich ein Schlafplatz der Kormorane in den Bäumen
unmittelbar an der Aach ausgebildet hatte. Ab 1996 erkannte man, dass Bestandszählungen am
Zuverlässigsten in den Schlafbäumen vorgenommen werden können.

Inzwischen befinden sich am Untersee 8 solcher Schlafplätze, die unterschiedlich besetzt sind. Die
synchron durchgeführten Zählungen liefern zuverlässige Daten über den Bestand und dessen
Entwicklung. Zudem wurde 2009 vom Regierungspräsidium ein umfassendes Monitoring in
Auftrag gegeben und durch einen Fachgutachter ausgeführt.

Die Winterpopulation am Untersee nahm seit 1998 zunächst kontinuierlich zu, wobei in einzelnen
Monaten Spitzenwerte zwischen 700 und 800 Kormorane erreicht wurden.

Allen in der Schlafbaumkolonie Radolfzeller Aachmündung waren zeitweise bis 500 Kormorane
vertreten. Der durchschnittliche Winterbestand hat sich bei 300 bis 400 Exemplaren eingependelt.

Mittlerweile besteht der Schadensdruck nicht überwiegend im Winter, sondern zunehmend auch im
Sommer. Ein drastischer Anstieg der Sommerpopulation wurde erstmals im Jahre 1997 festgestellt. Seither stieg die Zahl der übersommernden Vögel ständig an und im Jahr 2007 übertraf der Sommerbestand erstmals den Winterbestand. Im Sommer 2008 wurden am Untersee durchschnittlich 560 Kormorane gezählt.

Zudem stieg die Zahl der Brutpaare am Untersee von 3 Paaren 1998, auf 150 Paare im Jahre 2009.
Die Auswirkungen der großen Zahl an Kormoranbruten zeigen sich deutlich. Anhand der
Entwicklung der Kormoranzahlen am Untersee im Vergleich zu denen an der Brutkolonie im
Radolfzeller Aachried wird deutlich, dass der gesamte Kormoranbestand im Sommer aus brütenden Alttieren und noch nicht geschlechtsreifen Jungkormoranen besteht.

Bereits ab Mai sind seit einigen Jahren alle Kormorane am Untersee im Aachried konzentriert. Die
zu anderen Jahreszeiten besetzten Schlafbaumkolonien bleiben während des Sommers verwaist.
Dies ist ein Beweis dafür, dass sich die hohe Zahl der Kormorane nur aus brütenden und erbrüteten Vögeln zusammensetzt und nicht aus frühen Zugvögeln. Frühe Zuzügler würden wahrscheinlich auch die anderen Schlafplätze am Untersee besetzen.

Der enorme Schadensdruck das ganze Jahr über zeigt sich an den Fischbeständen. Dies lässt sich
durch die Fangstatistiken zeigen sowie an den zunehmenden Schäden an den Fischernetzen.
Bezogen auf die Radolfzeller Aach ist es fraglich, ob Bachforellen und Äschenbestände, die durch
Kormoraneinflüge stark geschädigt werden, dauerhaft auf einem derart niedrigen Niveau existieren
können. Die Dichte der Bachforelle in dem intensiv vom Kormoran beflogenen Gewässerabschnitt
in Beuren an der Aach ist mittlerweile von 40 Forellen auf unter 10 Tiere pro100 m Strecke
abgefallen.

Dadurch nimmt der Handlungsbedarf zu. Die Vergrämung der Kormorane im Winter hat sich dort
bewährt, wo es um den Schutz der Fanggeräte, Äschenlaichplätze und Reiser geht. Sie reicht aber nicht aus.

Es muss dringend ein Management zur Regulierung des Kormoranbestandes am Untersee und
besser noch dem gesamten Bodensee geschaffen werden. Dieses sollte die Begrenzung der Zahl der Bruten sowie der nichtbrütenden Übersommerer zum Ziel haben.

Es kann und darf nicht sein, dass für den nicht mehr zeitgemäßen Schutz einer einzigen Vogelart,
die vor 20 Jahren nur Wintergast war und heute überaus häufig ist, die Existenz der Berufsfischer
und die einzelner heimischer Fischarten geopfert wird. Zur Deckung des Fischbedarfs der Anwohner und der Gastronomie werden Fische inzwischen aus umweltschädlichen Aquakulturbetrieben importiert, teilweise sogar aus Ländern deren Bevölkerung unter Nahrungsmangel leiden.

November 2010